A soft touch

Ana Bücher

Luft zum Frühstück
Serafina ist einen Meter achtundsechzig groß und dünn, sehr, sehr dünn.
Still und nachdenklich sitzt sie mir gegenüber und malt mit der Spitze ihres rechten Zeigefingers unsichtbare Zickzacklinien auf den Tisch zwischen uns.
„Ich weiß selbst nicht genau, wie es angefangen hat" sagt sie dann plötzlich, schaut mich kurz an und schweigt wieder.
Aber eine Stunde später, am Ende unseres allerersten Gesprächs, weiß ich trotzdem ein paar Dinge aus Serafinas Leben
Da gibt es Fritz und Moses
Da ist eine Kuh in Tivoli die sie mal gekusst und dabei geweint hat.
Da ist eine Oma, die sie nicht mag.
Und eine Oma, die sehr krank ist und von Kuchen spricht.
Außerdem liebt sie das Buch „Schlafes Bruder".
Und ist Halbitalienerin.
Und hat schreckliche Angst vor dem Dicksein.

„Du bist schon fertig?“, fragte meine Mutter abends im
Restaurant verwundert. „Du hast ja kaum etwas gegessen.
Geht es dir nicht gut?“
„Doch, es ist alles in Ordnung“, sagte ich.

„Willst du kein zweites Brötchen, Fina?“, fragte meine Oma
beim Frühstück und hielt mir den Brötchenkorb entgegen.
„Nein, danke“, sagte ich nachdrücklich und räumte
schnell mein Frühstücksgeschirr ab.

„Warum isst du dein Schinkensandwich nicht, Fina?“, er-
kundigte sich Maria mittags am Strand verwundert und
kramte in unserem prall gefüllten Proviantkorb. „Kann ich
es haben, wenn du es nicht willst?“
Ich nickte schnell, dabei hatte ich schrecklichen Hunger.

Fast eine ganze Woche verging.
Warum wurde ich nicht dünner? Obwohl mein Magen
knurrte und knurrte und knurrte, sah ich aus wie immer.
Ärgerlich kaufte ich mir, als wir spätabends noch einen
Spaziergang am Strand machten, an einem Kiosk eine neue
Tüte Chips und aß sie hungrig leer. Der Himmel war dun-
kel und voller Sterne, und eine einzelne Möwe schrie kla-
gend, und ich musste für einen Moment an die dicke
Französin in der Werbesendung denken. Sofort bereute ich
die Chips. In Zukunft würde ich es besser machen.

„Wer will ein Sandwich?“, fragte meine Oma und kramte
in unserem Proviantkorb. Maria aß zwei Schokoriegel und
zwei Brötchen mit Schinken, Käse und Salat, und ich wur-
de immer hungriger und gereizter.
„Was möchtest du, Fina?“, fragte meine Oma. „Auch ein
Sandwich? Oder eine Frikadelle? Es ist auch noch Kartof-
felsalat da.“
„Nur einen Apfel“, murmelte ich.
„Nun übertreibe es nicht, Serafina“, sagte meine Mutter
und sah in den Rückspiegel. Ich schwieg und blickte auf
ihre sonnenverbrannten, weichen Schultern, die über den
Rand des Autositzes schauten. Weiche, dickliche Haut war
auf diesen Schultern. Ich mußte wieder an die dicke Fran-
zösin in der Werbung denken. Natürlich war meine Mutter
nicht so dick wie sie, lange nicht so dick. Doch zu dick war
sie trotzdem. Sie war erst funfunddreißig aber schön sah
sie nicht aus. Genauso wie ich nicht schön aussah. Ich war:
dick. Dick. Dick. Dick. Dick. Dick. Dick
Ich fühlte mich schwammig und schwer und schwerfällig.
Ich war dick. Dick. Dick. Dick. Dick ...
Ich merkte, wie ich müde wurde. Das Auto zischte
gleichmäßig dahin, und mein Magen knurrte gleichmäßig.

Als wir zu Hause ankamen, war es Nacht. Maria wachte nur
kurz auf, stolperte in ihr Bett und schlief sofort wieder ein.
Aber ich war nach meinem Traum hellwach. Ich hatte
stechende Bauchschmerzen, ich fühlte mich völlig leer und
ausgehungert. Es war, als hätte ich ein schmerzendes Loch
im Bauch.
Ich wollte einen warmen Kakao mit Sahne trinken, um
mich aufzuwärmen und meinen rumorenden Magen zu
versöhnen.
Und ich wollte endlich wieder einmal ein Brötchen mit
Butter und Nutella essen.
Oder noch besser, einen großen Teller Spagetti Bologne-
se mit einem Berg Parmesankäse.
Oder einen großen Teller Pommes frites mit einem pa-
nierten Schnitzel.
Oder mit Currywurst.
Oder etwas anderes.
Ich hatte Hunger, Hunger, Hunger.
Es dauerte eine Weile, bis meine Mutter meine Oma
nach Hause gefahren hatte und wieder zurückkam. Aber
dann war es endlich still in der Wohnung. Stille, tiefe
Nacht. Frierend lag ich in meinem Bett und konnte nicht
einschlafen. Obwohl ich müde war, obwohl ich mich völlig
zerschlagen fühlte, obwohl mir fast die Augen zu fielen.
Aber es half alles nichts. In mir rumorte ein beißender
Hunger, der mich wachhielt.
Widerwillig ging ich schließlich in die Küche. Auf dem
Küchentisch stand vergessen der fast leere Proviantkorb
der langen Autofahrt. Ein kleines, aufgeweichtes Brötchen
lag noch darin. Schnell wickelte ich es aus der Frischhalte-
folie und schob es mir in den Mund. Ich konnte kaum kau-
en, so hungrig war ich. Hinterher war es wenigstens ein
bisschen besser. Leise schlich ich zurück in mein Zimmer
und schrieb in mein Tagebuch:
Nachts: 1 Brötchen mit Butter und Schinken! Mist!
Morgen würde ich mir Margarine kaufen. Margarine
auf jeden Fall besser als Butter für jemanden wie mich.

Nie, nie, nie würde Ernestines Bruder sich für mich inte-
ressieren. Nicht jemand wie er. Dazu sah er viel zu gut aus.
Zu gut und zu selbstbewusst. Ganz sicher gehörte ich nicht
zu der Sorte Mädchen, für die Fritz sich interessieren wür-
de. Dazu war ich zu dick, zu schwerfällig, zu unsicher.
Auf einmal ekelte ich mich vor mir selbst.
Und ich hatte Hunger.
Meine Beine waren zu stämmig. Stämmig und knubbelig
und formlos. Nicht einmal meine Kniescheiben zeichnete
sich richtig ab.
Auch mein Po war zu dick. Genau wie mein Bauch.
Warum konnte ich nicht aussehen wie Maria? Warum
konnte ich nicht ihre langen, dünnen Beine haben? Und
schmales Gesicht? Und ihren flachen, makellosen Bauch?
Ich war ein Monster, ja, das war ich. Ein dickes, schwer-
fälliges Monster mit einem zu runden Gesicht. Und mit
dicken, aufgeplusterten, unvorteilhaften Körperteilen.
Obwohl ich seit der letzten Ferienwoche in Frankreich
weniger aß.

„Wer will noch Spagetti?“, fragte meine Mutter etwas spä
ter.
„Ich“, sagte Maria und hielt ihren Teller für eine zweite
Portion hoch.
„Ich auch“, sagte Ernestine, die ihre Nudeln mit Olivenöl
und Basilikum anstelle der Hackfleischsauce aß. Sogar ein
paar Pinienkerne hatte meine Mutter noch in der Speise-
kammer gefunden und für Ernestine auf den Tisch gestellt.
Ich hatte mir nur eine sehr kleine Portion Nudeln ge-
nommen. Mit einem winzigen Klecks Fleischsauce.
„Du übertreibst es wirklich, Fina“, hatte meine Mutter
sofort gesagt. Und jetzt waren alle längst fertig — außer mir.
Ich aß ganz langsam, weil ich hoffte, so schneller satt zu
werden. Alles in mir sehnte sich danach, mir mehr zu neh-
men, eine ganz große Portion, und dann noch eine. Ich
sehnte mich danach, mir den Mund voll zu stopfen und mit
vollen Backen zu kauen. Ich hatte das Gefühl, überhaupt
noch nie so hungrig gewesen zu sein wie an diesem Tag.
Aber ich war ein Monster. Ein dickes, schwerfälliges Monster.
Ich wollte abnehmen. Ich wollte hübsch werden. Ich wollte sein wie
Ernestine. Ich wollte, dass ihr Bruder mich mochte.
Ich schaute in die noch halb vollen Töpfe und riss mich
zusammen. Ich würde nicht mehr essen als diese kleine
Portion auf meinem Teller. Ich schwor es mir stumm.
Und es klappte.

Nachts, im meinem dunklen Zimmer, als Maria längst
schlief und aus dem Wohnzimmer ebenfalls kein Laut
mehr kam, legte ich prüfend meine Hand auf meinen
Bauch.
Ich war dünner geworden, da war ich mir sicher. Morgen
würde ich mich wiegen. Im Schlafzimmer meiner Eltern
stand die Waage meiner Mutter.
Ich lächelte zufrieden in die Dunkelheit hinein und
schlief mit knurrendem Magen ein. Aber zum ersten Mal
war mein knurrender Magen nicht mehr mein Feind, son-
dern mein Freund.

„Fina, wir frühstücken!“, rief meine Mutter nach einer
Weile. Ganz langsam stand ich auf. Auf dem Weg ins Bad
kam ich an der offenen Schlafzimmertür vorbei. Das Bett
war schon gemacht. Ordentlich lag die Decke meines Va-
ters neben der meiner Mutter. So, als wäre alles in Ord-
ng, so, als hätte es das Geschrei heute Nacht gar nicht
gegeben. Schnell schlüpfte ich in das stille Schlafzimmer
hinein und schloss die Tür hinter mir. Unter dem Bett
stand die Waage meiner Mutter. Ich zog sie hervor und
stellte mich vorsichtig darauf. Die roten Digitalziffern
sprangen an, und mein Herz machte einen Sprung. Ich wog
nur noch dreiundsechzig Kilo.
Drei Kilo weniger als vor zwei Wochen!
Zufrieden schob ich die Waage zurück an ihren Platz. Es
war doch ganz leicht abzunehmen. Warum hatte ich nicht
schon viel früher damit angefangen? Und warum fiel es so
vielen Leuten so furchtbar schwer? Warum waren die Zeit-
schriften voll mit immer neuen Diäten? Man musste sich
doch nur ein bisschen zusammenreißen und nicht alles
sinnlos und wahllos in sich hineinstopfen.
Das Leben war schön. Oder es würde wenigstens ab jetzt
schön werden. Ich würde kein Mehlsack mehr sein, der
kraftlos und schwerfällig am Stufenbarren hing und den
Aufschwung nicht schaffte.
Ich würde werden wie Ernestine. Und wie die anderen
Mädchen in meiner Klasse.
„Hau ab, du Trampel!“, hatte Benedikt manchmal zu mir
gesagt, damals in unserem ersten Winter in Deutschland.
Immer, wenn im Sportunterricht Mannschaften gewählt
wurden, blieb ich bis zum Schluss stehen.
„Mist, jetzt haben wir wieder den Mops in der Mann-
schaft!“, flüsterten dann die sich zu, die mich ganz am
Ende notgedrungen wählen mussten.
Und als Moses in unsere Klasse kam, flüsterte Luzie Kira
zu: „Noch so ein Fleischberg ...“
Ich hatte es ganz genau gehört, aber ich gab keinen Laut
von mir. Warum unternahm Frau Schmidt, unsere Klassen-
lehrerin, nichts? Ich starrte fest auf die zerkratzte Tisch
platte vor mir und verabscheute sie dafür.
„Mach dir doch nichts draus“, sagte Moses viele Wochen
später.
An diesem Tag hatte Jonas auf dem Schulhof laut „Aus
dem Weg, Fettsau!“ geschrien und mich angerempelt.
Ich war auch das erste Mädchen in der Klasse gewesen,
das einen Busen bekam. Benedikt und Jonas malten mich
in einer Fünfminutenpause an die Tafel. Eine dicke, unför-
mige Kugel mit zwei riesigen, kugeligen Brüsten. SERAFI-
NA, DAS TITENWUNDER, schrieben sie darunter.
Unser Religionslehrer, der selber dick war, wischte das
Bild kopfschüttelnd mit dem nassen Schwamm fort.
„Es gibt dicke Menschen und dünne Menschen und wei-
ße Menschen und schwarze Menschen und laute Men-
schen und stille Menschen und mutige Menschen und fei-
ge Menschen und blauäugige Menschen und braunäugige
Menschen und ...“
Er hielt einen Moment inne und schaute uns an. „... und
kluge Menschen und dumme Menschen gibt es auch“, sag-
te er und machte ein ernstes Gesicht. Aber mehr unter-
nahm er nicht. Und dann sprach er über etwas anderes.
Und Jonas flüsterte: „... und fette Monster gibt es auch hier
und da.“ Dabei schaute er in meine Richtung.
Die, die in seiner Nähe saßen, lachten leise.

Und dann überredete mich Ernestine, auch ei-
nen Bikini zu kaufen.
„Los, ich berate dich“, sagte sie und zog sich schnell an.
Dann ging sie nach draußen und drehte den Kleiderstän-
der in dem die Bikinis hingen. Ich blieb nervös in der en-
gen Kabine.
„Größe 38?“, rief Ernestine. Sie selbst hatte Größe 34.
Größe 38 war auch mein zu kleiner türkisfarbener Bikini
vom letzten Jahr. Aber ehe ich widersprechen konnte, hat-
te Ernestine drei Bikinis ausgesucht und kam zurück in die
Kabine.
„Los, ausziehen“, kommandierte sie und schaute mich an.
Ich holte tief Luft und war mir sicher, dass ich es nicht
schaffen würde, mich vor Ernestine auszuziehen. Aber dann
schaffte ich es doch. Mit zitternden Fingern nahm ich den
Bikini, den Ernestine mir hinhielt, und probierte ihn an.
"He, der passt doch gut“, sagte Ernestine und lächelte
mich im Spiegel an. Ich stand stumm da und betrachtete
mich vorsichtig. Ich schaute mir in die Augen, und schließ-
lich fuhr ich mir mit den Händen über die weiche Haut an
meinem Bauch. Bin Gefühl von Ruhe breitete sich in mir
aus.
Ich sah nicht mehr schrecklich aus, ich war kein Monster
mehr, kein Mops und keine Fettsau. Wenn ich ganz gerade
dastand, war ich nicht mehr besonders dick. Natürlich war
ich noch lange nicht so dünn wie Ernestine, aber der Wulst
um meinen Bauch war verschwunden, und ich hatte ein
bisschen Taille, den Ansatz einer Taille.
Ich konnte es schaffen. Ich konnte richtig dünn werden.
Ich hatte wieder Hoffnung, es war wie ein Silberstreif am
Horizont.
Ich atmete ganz tief und freute mich.
„Du hast richtig schöne helle Haare und ein schönes Ge-
sicht“, sagte Ernestine und hielt mir den zweiten Bikini
hin. „Willst du den auch noch probieren, oder nimmst du
den, den du gerade anhast? Ich finde, er passt so gut zu dei-
nen grünen Augen.“
Ich nahm den grünen Bikini und fühlte mich wie eine
Königin.

Draußen wurde es Herbst, und ich fror morgens beim
Radfahren. Aber ich hatte wieder abgenommen.
56,7 Kilo zeigte mir die Waage im Schlafzimmer meiner
Eltern.
Jetzt hatte ich es bald geschafft. Meine bestickte Jeans
passte mir nicht mehr. Sie war zu weit. Zusammen mit Er-
nestine ging ich in die Stadt und kaufte mir eine neue Hose
Die Verkäuferin im Jeans-Shop musterte mich prüfend.
„Größe achtundzwanzig?“ fragte sie abschätzend und
zeigte auf ein Regal an der Wand.
Mir wurde fast schwindelig vor Freude. Früher hatte ich
Größe dreißig getragen. Ein paarmal sogar einunddreißig.
Mit klopfendem Herz probierte ich eine Jeans Größe
achtundzwanzig an. Sie passte problemlos.
„Sieht toll aus“, sagte Ernestine, die mit mir in die Kabine
gekommen war. Ich atmete auf und hätte die ganze die ganze Welt
umarmen können.

An diesem Abend kam Matilda. Zusammen mit ihren klei-
nen Zwillingen.
„Himmel, du bist ja kaum noch wiederzuerkennen“, sag-
te sie, als sie mich sah, und stellte ihre Reisetasche ab.
Beim Abendessen schaute sie mich dauernd an. Es gab
Ciabatta mit Tomaten und Mozzarella, und ich hatte mir
das kleinste Stück Brot aus dem Brotkorb genommen und
zwei dünne Stücke Tomaten. Den Käse rührte ich nicht an.
„Was ist denn los mit dir, Serafina?“, fragte Matilda plötz-
lich.
„Wieso?“, fragte ich und schob einen kleinen Bissen in
den Mund. Mein Magen knurrte laut, und ich hoffte, dass
niemand es hören würde. Wenn man ganz langsam aß und
lange kaute, wurde man schneller satt.
„Warum nimmst du denn keinen Käse? Und warum knab-
berst du eine halbe Ewigkeit lang an diesem einen Stück
Ciabatta herum?“, fuhr Matilda fort. Ihre lauten Zwillinge
saßen links und rechts von ihr und stopften die ganze Zeit
Mozzarellastückchen in sich hinein.
„Ich habe vorhin schon was bei Ernestine gegessen“, sag-
te ich und glaubte schon fast selbst daran. Ernesti-
ne war oft meine Ausrede in der letzten Zeit.
„Ernestine ist ihre Freundin“, sagte meine Mutter. „Sie
wohnt über uns, und die beiden stecken dauernd zusam-
men."
Ich nickte und biss einen neuen, winzigen Happen von
meinem Stück Brot ab.
„Ich weiß nicht“ sagte Matilda und schaute meine Eltern
an. „Bei uns in Berlin wohnt ein Mädchen im Haus, das
auch plötzlich so viel abgenommen hat wie Serafina ...“
„Ja, und?“, fragte meine Mutter.
„Inzwischen ist sie richtig krank. Sie hat eine schwere
Essstörung ...“
„So ein Blödsinn“, sagte ich gereizt und war wütend auf
Matilda. Warum erzählte sie solche Dinge? Gönnte sie es
mir nicht, dass ich jetzt endlich ein bisschen dünner war?
Sie selbst war genauso kräftig wie meine Mutter und meine
deutsche Oma.
Plötzlich sahen mich alle an.
Und plötzlich wurde alles schwierig.

Völlig schwerelos                                                                                                Nur ein paar Kilo abnehmen. Doch dann kann Miriam nicht mehr damit aufhören. Miriam hat alles unter Kontrolle. Seitdem sie streng ihre Diät hält und regelmäßig im Park joggen geht, hat sie schon sechs Kilo abgenommen. Trotzdem findet Miriam sich immer noch viel zu dick. Also müssen noch einmal fünf Kilo runter. Und wenn sie vor Hunger und Magenschmerzen wieder mal nicht schlafen kann, nimmt sie eben Appetitzügler und Abführmittel. Während der Klassenfahrt nach England wird Miriam plötzlich ohnmächtig.

- Es wäre mir viel leichter gefallen, wenn all die Köstlichkeiten gar nicht erst im Haus gewesen wären. So aber lag ich abends manchmal lange wach und dachte daran, was alles im Kühlschrank lag und dass ich nur runterzugehen bräuchte … Zweimal war ich schon bei der Tür. Dann kroch ich wieder in mein Bett zurück. Pfui, dick und fett und obendrein auch noch willensschwach! Mein Stolz gegen meinen Hunger! Wenn ich mich bei dem Gedanken an Schokolade ertappte, beschimpfte ich mich gnadenlos. Hältst du das durch, Miriam, du gefräßiges Biest? Deine gier ist richtig tierisch! Die anderen lachen sich tot, wenn sie erfahren, woran du dauernd denkst!

- Ich hatte mich endlich im Griff. Wenigstens war inzwischen das verdammte Hungergefühl vorbei, das ich noch vor drei Wochen gehabt hatte. Klar, wenn ich was leckeres sah, dann lief mir noch immer das Wasser im Mund zusammen. Aber ich konnte es ohne Bedauern liegen lassen. Es machte mich nicht nervös. Ich konnte sogar seelenruhig zusehen, wie Jenny aß. Es berührte mich nicht mal. Diese neue Einstellung machte mich stolz. Ich hatte meinen Hunger bezwungen. Ich hatte meine Gier besiegt. Ich beherrschte meinen Körper. Er tat, was ich wollte. Ich ließ nicht mehr zu, dass sich das Fett unkontrolliert auf meinem Körper verteilte. Alles sollte straff und fest werden. Und deswegen trainierte ich!

- Nur richtiges Laufen nützte was, möglichst langes, ausdauerndes Rennen. Der Anfang war brutal schwer. Es sah so leicht aus, wenn man Joggern begegnete. Meine Beine taten weh, meine Knöchel, ich hatte überhaupt keine Kondition und außerdem noch viel weniger Lust. Ich war total wütend auf mich.

Renn, du Larmarsch, lauf wenigstens bis zum Baum dort! Wenn du es bis zum Papierkorb schaffst, dann hast du morgen wieder hundert Gramm weniger. Heb endlich die Beine, verdammt noch mal! Ich hasste mich richtig. Ich musste meinen Körper bezwingen, das zu tun, was ich wollte. Und wenn ich dabei zerbrach! Renn du Schlaffi!

- Mama hatte natürlich wieder gemeckert. Ob ich mein Trainingsprogramm ausnahmsweise mal unterbrechen könnte und so. Aber ich wusste ja nicht, ob ich in London zum Laufen kommen würde, und ich wollte jede Chance nutzen. Es wäre schrecklich wenn ich jetzt wieder zunehmen würde! Ich strich über meinen Bauch. Er kam mir so schwabbeldick vor wie immer. Und das, obwohl ich weniger als fünfzig Kilo wog! Mir brach der Schweiß aus. Ich hatte mich geirrt. Fünfzig Kilo waren noch immer zu viel. Ich hatte mein Ziel einfach zu niedrig gesteckt! Ich zog meinen Bauch ein und fühlte eine hohle Grube. So hätte es sein müssen, so wäre es richtig. Es half nichts, fünf Kilo mussten noch runter.

- Wenn ich bloß nicht so fett wäre! Wenn ich nur erst fünfundvierzig Kilo wiegen würde! Ich spürte wie ich unruhig wurde. Ich musste mich unbedingt wiegen, aber auf dieser verdammten Fähre gab es bestimmt keine Waage. Ob ich weniger wog als gestern Nachmittag? Ich hatte ja fast nichts gegessen. Nur diese Scheiß-Schokoplätzchen. Im Nachhinein bekam ich ein schlechtes Gewissen. Warum hatte ich die Plätzchen nicht abgelehnt?       Du blöde, fette Kuh, hattest dich wieder mal nicht unter Kontrolle! Hast einfach die Dinger in dich reingemampft! Sicher hast du jetzt zugenommen und das geschieht dir recht!                                                                               Ich schlug die Hände vors Gesicht und heulte los. Die Plätzchen, die verdammten Plätzchen! Ich hätte sie nie im Leben essen dürfen! Aber ich hatte es doch nur wegen Bobby getan! Wenn ich abgelehnt hätte, wäre er beleidigt gewesen!                                                                                             Faule Ausrede! Du verfressenes Vieh, von jedem anderen hättest du die Plätzchen auch genommen! In Wirklichkeit hast du nur darauf gewartet, dass du wieder mal richtig schlingen kannst! Du bist willenlos und schwach! Es war nur wegen Bobby, ehrlich! Quatsch, quatsch! Ich glaub dir kein Wort. Du hättest ja nur so tun können als ob du sie isst. Aber du feiste Sau hast sie richtig gefressen!                                                               Hätte ich Bobby wirklich hinters Licht führen können? Einfach so tun als ob? Ich musste es ausprobieren. Sofort ging es mir besser. Ich war richtig stolz auf mich. So ein prima Einfall!

Mein Körper, mein Feind                                                                                       Als ihr Großvater sie missbraucht, ist für Claire nichts mehr so wie vorher. Doch das Wichtigste für sie wird das Bestreben, sich unsichtbar zu machen – indem sie einfach nichts mehr isst und so schmal wird, dass kaum noch etwas übrig bleibt von ihrem Körper, den sie hasst.

Ihre Eltern, die es nicht ertragen können, wie ihre Tochter vor ihren Augen fast verhungert, lassen sie erstmals im Alter von 10 Jahren in eine Klinik einweisen. Doch dem eigentlichen Grund für ihre Magersucht kommt niemand auf die Spur. Jahrelang bleibt sie gefangen in dem Teufelskreis von Hungern und dem Missbrauch von Abführmitteln. Doch als sie mit 23 Jahren einen Artikel über Caralina liest, einer 28jährigen magersüchtigen Frau, kommt es zu einer Wende in ihrem Leben. Ausgelöst durch die Fotos von der bis aufs Skelett abgemagerten Frau begreift sie, dass sie sich mit ihrem Hungern selbst straft für etwas, an dem sie keine Schuld trägt.

Das Haus der verrückten Kinder

Weil sie immer so traurig war und oft weinte, weil sie nicht mehr essen wollte, weil sie sich der Welt der Erwachsenen und der „Normalität“, die sie als ein Netz von Lügen und Heuchelei empfand, verweigerte – deshalb wurde Valérie Valère in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Denn für die Psychiater signalisiert dieser Zustand eine Krankheit: Magersucht. Damals war sie 13 Jahre alt. Vier Monate verbrachte sie im „Haus der verrückten Kinder“, in fast völliger Isolation. Die Therapie ist erschreckend. Drohungen und Erpressungen wechseln ab mit guter Zurede und kleinen Belohnungen. Entkräftet, geschüttelt von Weinkrämpfen, eingemauert in ihr Schweigen, erstickt Valérie innerlich vor Wut und Hass. Doch es gibt nur eine Möglichkeit, herauszukommen: sich fügen, wieder Nahrung zu sich nehmen. Danach könnte sie wieder leben wie sie es will. Danach war sie wieder frei und könnte mehr hungern denn je. – Schließlich wird sie als geheilt entlassen. Zwei Jahre später, mit 15 Jahren, entschließt sich Valérie Valère, diesen Bericht zu schreiben. „Glaubt sie wirklich, dass ich das esse? Ich entferne den Dreck, der sich unter dem Nagel meines rechten Zeigefingers angesammelt hat, ich warte. Nein, sie werden mich nicht kriegen! Ich will, dass sie mich vergessen, dass sie mich in diesen Fesseln sterben lassen! Sie wird nichts erreichen, sie kann reden, sie kann jede beliebige blöde List ausprobieren. Sie hat sogar versucht, mir zu zeigen, wie man eine Gabel hält und kaut, falls ich es vergessen haben sollte!

Wieso haben sie das Recht mich einzusperren? Habe ich getötet, gestohlen? Nein, ich habe eine Wahl getroffen. Sie werden von dieser Wahl nicht betroffen, sie leiden nicht darunter, ich bin „harmlos“. Ich verabscheue diejenigen, die behaupten, ich täte ihnen weh, indem ich mich sterben lasse. Sie können es nicht verstehen.“

 

Ana Filme

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Teresa Bille müsste es eigentlich blendend gehen: Sie ist schön, ihr Mann Conny liebt sie, und sie hat einen guten Job in einem Auktionshaus. Niemand ahnt, dass die nach außen selbstbewusste Frau Raubbau an ihrem Körper treibt.
Peter Wekwerth zeigt in seinem TV-Drama ein Leben zwischen Fitness, Tabletten, Diät, Hungern, Essen und Brechen. Nina Kronjäger zeigt eine bemerkenswerte Leistung als Frau, die von bohrenden Selbstzweifeln zerfressen, den inneren Druck durch Magersucht zu kompensieren sucht.

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Vanessa ist eine begabte Balletttänzerin. Ihre Mutter, die attraktive Christine, ist begeistert vom Talent ihre Tochter und bestärkt sie im Ehrgeiz, eines Tages eine berühmte Primaballerina zu werden. Als ehemalige Tänzerin an der Pariser Staatsoper weiß Christine, dass Vanessa zu Höherem berufen ist. Aus diesem Grund soll das erst elfjährige Mädchen bereits in diesem Jahr die Prüfung an eben dieser Ballettschule absolvieren. Christines Mann Philippe, ein erfolgreicher Kunststofffabrikant, unterstützt seine Frau bedenkenlos in diesem Vorhaben. Mit den kuriosesten Einfällen und bar jeder menschlichen Vernunft wird das Projekt mit finanziellen Zuwendungen nach vorne getrieben. Mit Franck Veaujourt wird der wohl bekannteste französische Ballettlehrer engagiert. Die Rahmenbedingungen sind perfekt. Nur Vanessa, die anfangs zwar stets leidenschaftlich bei der Sache war, verändert sich. Der immense Druck, den die Eltern auf sie ausüben, macht ihr schwer zu schaffen. Von einem Tag auf den anderen glaubt sie, die Aufnahmeprüfung nur dann schaffen zu können, wenn sie noch mehr an Gewicht verliert. Von ihren Ersparnissen kauft sie in einer Apotheke eine Waage und zwei Packungen Schlankmacher. Die Mahlzeiten spuckt sie heimlich aus, und ihre eingefallenen Gesichtszüge kaschiert sie mit Make-up. Keiner soll merken, wie intensiv sich ihr Körper auf den Wettkampf vorbereitet und wie sehr ihr Geist durch den physischen und psychischen Stress manipuliert wird. Die Signale, welche die Umwelt auf diese Radikalkur bekommt, sind überdeutlich. Nur Philippe und Christine wollen nicht sehen, was mit ihrer Tochter passiert. Sie schreiben den schlechten Allgemeinzustand des Mädchens der aufkommenden Nervosität vor der großen Prüfung zu. Selbst ein Unfall in der Schule, als Vanessa beim Schwimmunterricht vor Erschöpfung fast ertrinkt, öffnet ihnen nicht die Augen. Erst die Anzeige der Sportlehrerin beim Jugendamt bringt die Sache ins Rollen und rettet Vanessa das Leben.

Reise in die Polarnacht
Sie heißt Geraldine, wird aber seltsamerweise nur Jim genannt. Ihre Eltern sind bei einem Massaker irgendwo in Afrika ums Leben gekommen. Über diese Tragödie spricht die knapp **-Jährige nicht, so dass niemand weiß, was sie tatsächlich erlebt hat. Jim hat zwei Gesichter: Zum Einen die gelangweilte Gymnasiastin, immer kritisch lächelnd und ein bisschen aufsässig, zum Anderen das geheimnisvolle, nachdenkliche Mädchen, das nicht mehr mit ihren Adoptiveltern spricht, obwohl die ihr all ihre Liebe geben. Die erste Jim hört leidenschaftlich gerne die schaurigen Geschichten, die ihr Freund Habib ihr jeden Tag auf dem Weg zur Schule in der Stadt im Zug erzählt. Die zweite Jim gerät immer tiefer in eine Besorgnis erregende Magersucht. Als ihr Zustand alarmierend wird, kommt sie zur psychiatrischen Behandlung in eine Spezialklinik und stürzt nur noch tiefer in ihre Einsamkeit. Einzig die Ausreißerin Marie scheint ihre Ängste zu verstehen. Getrennt von Habib, eingeschlossen in der Stille, begibt sich Jim auf eine weite Fantasiereise nach Island, der Heimat ihres Idols Björk.

Indem sich Jim dem realen Leben entzieht und sich in eine Traumwelt fantasiert, die im ewigen Eis spielt, wird auch der Zuschauer in faszinierende arktische Polarregionen entführt. Mit den Laienschauspielern Fatoumata Sissoko in der Rolle der Jim und Chems Eddine Dahmani als Habib setzt der Regisseur auf zwei Laiendarsteller, deren intensives Spiel durch Authentizität und unverbrauchte Ausstrahlung überzeugt.

 

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